Sich annehmen? No thanks!

Neulich habe ich für eine Geschichte eine «Naturfriseuse» interviewt. Ich wollte wissen, was sie von einem normalen Coiffeur unterscheidet, nachdem ich an einem Presse-Event einen Kurz-Vortrag von ihr gehört habe, bei dem sie so es bitz von der Kanzel herab gepredigt hat. Dabei fiel ein Satz, der mich nicht mehr losliess: «Fragen Sie doch mal, wie Ihre Haare eigentlich sein möchten – anstatt sich selbst, wie Sie Ihr Haar wollen.»

Das ging mir total an die Nieren, Freunde. Denn ich bin seit meinem fünfzehnten Lebensjahr damit beschäftigt, jeden eigenen Willen meiner Naturhaare auszumerzen, zu bodigen, im Keim (an der Wurzel?) zu ersticken. Denn

MEINE NATÜRLICHEN HAARE SIND SCHEISSE.

Scheiss-Strassenköter-Blond. Mit Scheiss-Wirbeln an Stirn und Hinterkopf. So scheiss-nicht-ganz-gerade-aber-und-nur-am-Nacken-echli-gelockt. Und so Scheiss nicht-dünn-aber-sicher-auch-nicht-voll.

Scheiss-Haare, eben.

Und obwohl ich mit fünfzehn echt nicht viel wusste vom Leben (dass Chris P. aus Höngg schwul ist und deswegen nicht gut küsst, dass mir asymmetrische Frisuren und Keilhosen nicht stehen und dass Bros keine echten Musiker waren, zum Beispiel), wusste ich damals immerhin schon genug, um zu wissen, dass ich Blond sein musste. Dass ich meine Naturhaare für immer mit wundervoller Chemie mindestens drei, wenn nicht gleich fünf Farbtöne heller haben musste. Und diese dann auch mit Gel, Spray, Wachs und Schaum in eine nicht wiedererkennbare Formation stylen.

Vielleicht haben mich die Ansichten der Naturfriseuse deswegen auch so fasziniert, denn sie «begleitet ihre Kunden auf dem schwierigen, langwieherigen Weg, ihre echten Haare lieben zu lernen» und bietet ihnen während der Übergangszeit (von chemischer Farbe zu Naturfarbe, oder gar zur natürlichen Haarfarbe) Hand, Zeit, Verständnis und Bürstenmassagen an. Eigentlich herzig und gschpüürig und vorallem total ökologisch. Aber ich dachte mir die ganze Zeit, währenddem sie mir am Telefon predigte, echt immer nur:

GOTT SEI DANK VERSTEHEN DIE MICH BEI MAD. Denn wenn ich als Kundin sage, dass ich meine Haare so haben möchte – nämlich Patty Boser-Blond, glänzend und lang – machen die mir keine Bürstenmassagen und sagen mir, dass ich doch total schön bin so. Sondern geben mir das, was ich will. Und zwar in Perfektion und mit einem feinen Tee und tollen Gesprächen, in denen wir über den Sinn und Unsinn vom Botox spritzen als 23-jährige diskutieren. Who knows… vielleicht nehme ich meine Naturhaare mal an, wenn ich auf einer Alp lebe. Alleine, in einem alten Futtersack gekleidet und Löwenzahn essend. Aber bis dahin lasse ich die Naturfriseuse sich spüren und erfreue mich an Coiffeuren, die mich dabei unterstützen, mich schön zu finden – MIT IHRER HILFE.

 

 

Author: steffi

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